„Wenn ich abends völlig kaputt und erschöpft aus der Kirche schleiche, dreh‘ ich mich nochmal um und schau, und dann muss ich über mich grinsen, weil ich mich trotz allem freu‘ über meinen Beruf und auf den nächsten Tag.“ Ist das nicht der Inbegriff, eines erfüllten Arbeitslebens? Christiane Lange ist gelernte Kirchenmalermeisterin. Heute laden wir Euch ein, ihr außergewöhnliches Handwerk und die Kirchenmaler-Ausbildung mit uns zu entdecken.

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Stolz auf ihr Meisterstück: Kirchenmalerin Christiane Lange mit ihrem Anbetungsengel, der mittlerweile in ihrem Wohnzimmer steht.

Beim Stöbern durch die Ausstellung der Meisterarbeiten der Städtischen Fachschule für Farb- und Lacktechnik sowie der Städtischen Meisterschulen für das Maler- und Lackiererhandwerk und das Vergolderhandwerk hatten wir das Glück, auf Christiane Lange zu treffen. Glück, weil uns mit ihr wieder so eine spannende Persönlichkeit über den Weg gehuscht ist, die ihr Handwerk aus tiefstem Herzen betreibt und lebt. Mehr im exklusiven Macher-Interview mit ihr:

Liebe Frau Lange, wie sind Sie überhaupt auf die Idee gekommen, die Kirchenmaler-Ausbildung zu machen?

2011 habe ich durch eine Umstrukturierung meine frühere Büroarbeitsstelle nach 16 Jahren auf ungute Weise verloren, sodass ich von diesem Thema nur noch weit weg wollte. So war ich – auch in meiner unbeschreiblichen Trauer um meine in dieser Zeit plötzlich gestorbene Mutter – völlig offen für die Frage: Was willst Du denn eigentlich??!

Seit ich als Kind einen Stift halten konnte, habe ich gemalt, gezeichnet und gebastelt. Ich habe mich auch immer für Kunstgeschichte und geistiges Wissen interessiert. Im Sommer 2011 habe ich sogar eine Ausstellung gemacht – ausschließlich Engelbilder. Ich dachte nach und erkundigte mich über verschiedene schöne Handwerksberufe wie Schreiner oder Orgelbauer. Da blitzte plötzlich das Wort „Kirchenmaler“ in meine Gedanken, und da leuchtet und strahlt es bis heute und hat alles andere komplett in den Schatten gestellt.

Dann kam die Bewerbungsphase: Von Neubauer Restaurierungswerkstätten in Bad Endorf am Chiemsee bekam ich dann eine Einladung zum Vorstellungsgespräch. Ergebnis war zunächst ein Praktikum, das mich in meinem Berufswunsch bestätigt hat. Bestärkt hat mich eigentlich kaum jemand, ich spürte nur meinen Willen in mir – und so hab ich die Stelle bekommen.

Ganz schön spannend und mutig! Und wie dürfen wir uns die Ausbildung zum Kirchenmaler vorstellen?

Die Kirchenmaler-Ausbildung ist eine klassische dreijährige Lehre im dualen Ausbildungssystem. Also: Die normale Arbeitszeit bei einem Handwerksmeisterbetrieb ist die praktische Ausbildungszeit, die sich mit der Berufsschulzeit abwechselt. Bei Kirchenmalern und Vergoldern gibt es die Berufsschule nur als Blockunterricht, da ab dem zweiten Lehrjahr alle in die deutschlandweit einzige Berufsschule in München kommen müssen. Vom ersten Tag an ist der Lehrling mitten in der Praxis und bekommt vom jeweiligen Meister auf der Baustelle die einzelnen Arbeitsschritte und Vorgehensweisen erklärt. Die Berufsschule ergänzt Theorie und Praxis und stellt sicher, dass alle Lehrlinge auf ein vergleichbares Niveau kommen können. Hinzu kommt Italienisch-Unterricht. Außerdem hatte ich das Glück, dass mein Lehrherr die Lehrlingsausbildung sehr wichtig nimmt und daher in extra Lehrlingsfortbildungen Handwerkstechniken unterrichtet, die im Baustellenalltag zu kurz kommen, die aber wichtig für den Beruf sind, z.B. Gravur, Vergolden, Marmorieren, Pinselschrift, Fassmalerei etc.

So ein Meisterstück macht Arbeit: Schleifen der Kreidegrundierung in der Vorbereitungszeit bei Christiane Lange zu Hause.
So ein Meisterstück macht Arbeit: Schleifen der Kreidegrundierung in der Vorbereitungszeit bei Christiane Lange zu Hause.

Klingt komplex! Welche Fähigkeiten sollte ein Azubi, der es mit dem Kirchenmaler-Handwerk ernst meint, mitbringen?

Manuelles Geschick gehört wie bei jedem Handwerk natürlich dazu. Hier geht es vom ganz Groben bis zum extrem Feinen, weil die Bandbreite des Kirchenmalerberufes sehr groß ist. Mitbringen sollte man auch Aufmerksamkeit für das Zusammenwirken von Werkstoffen, ähnlich wie bei Zutaten in der Küche, denn der Kirchenmaler muss Untergründe prüfen und Putz und Farben in gewünschter Haltbarkeit und Erscheinungsbild der Oberflächen selbst herstellen. Für die Arbeit auf dem Gerüst muss man auch einigermaßen schwindelfrei sein.

Auch flexibel sein ist erforderlich, und zwar sowohl in der Handwerkstechnik als auch Erfindungsgabe: Bei Restaurierungsarbeiten geht man ganz anders vor als bei modernen Gestaltungen. Beides muss der Kirchenmaler drauf haben und für alle Wege offen und innovativ sein. Von der Illusion, dass man da nur mit feinem Pinsel gemütlich hübsche Englein und Schnörkel an die Wand malt, muss man sich von Anfang an trennen.

Früh Aufstehen, Pünktlichkeit, Fleiß, Zuverlässigkeit sowie präzises, sorgfältiges und umsichtiges Arbeiten ist sowieso klar, das gehört zu jedem Gewerk.

Ich halte aber auch die innere Einstellung für sehr wichtig. Man muss erkennen, dass Kultur, Schönheit und geistiger Gehalt von Gebäuden und Bildwerken ein Wert an sich ist, den eine Gesellschaft nicht geringer schätzen sollte als Geld. Ein gewisses Feuer für den Beruf braucht man, denn es ist auch auf weite Strecken ein Knochenjob. Den muss man durchstehen können und wollen.

Ganz schön groß, so ein Engel: Untermalung der Hautfarbe mit grüner und ockerfarbener Kaseinfarbe.
Ganz schön groß, so ein Engel: Untermalung der Hautfarbe mit grüner und ockerfarbener Kaseinfarbe.

Danke für Ihre Offenheit! Wie sieht denn ein „normaler“ Arbeitstag einer Kirchenmalerin aus?

Jetzt muss ich schmunzeln! Dieselbe Frage habe ich damals meinem Lehrherrn, Herrn Neubauer, beim Vorstellungsgespräch auch gestellt.

Ein „normaler“ Arbeitstag beginnt um 7.00 Uhr auf der Baustelle und endet gegen 17.00 Uhr. Hinzu kommen oft Anfahrten und Heimfahrten von jeweils mehr als einer Stunde, oft auch das Herrichten und Einpacken von Werkzeug und Material. Einen „normalen“ Tag gibt es eigentlich nicht. Es ist so vielfältig. Mal streichen viele gemeinsam eine Fassade oder den Innenraum einer Kirche, mal arbeitet einer tagelang alleine an einer beschädigten Heiligenfigur. Eines ist immer gleich am Abend: Strombetriebene Geräte, also Leuchten und Leimkocher usw. vom Netz nehmen, Baustelle bzw. Werkstatt sichern und absperren, damit nichts anbrennen, unter Wasser gesetzt oder gestohlen werden oder sonstigen Schaden nehmen kann.

Fingerspitzengefühl gefordert: Polieren des Blattgoldes mit Achat.
Fingerspitzengefühl gefordert: Polieren des Blattgoldes mit Achat.

An welchen Projekten haben Sie bereits gearbeitet? Hatten Sie ein Highlight?

Prominente Projekte waren z.B. die Münchner Residenz, das Bamberger Schloss und das Kunsthistorische Museum in Wien, aber auch weniger bekannte Kirchen im weiteren Umkreis um München, Freising und Regensburg. Highlight war St. Jakob in Straubing, wo ich an der Restaurierung der Rokoko-Kanzel mitarbeiten durfte und am Hochaltar echt gotische Gemäldetafeln von Wohlgemuth, dem Lehrer von Albrecht Dürer, aus nächster Nähe sehen durfte.

Haben Sie, in beruflicher Hinsicht, einen Traum?

Ja! Ich träume, dass die Handwerkskunst wieder eine gesellschaftliche Bedeutung und Höhe erreicht, wie in der Barockzeit!

Was würden Sie Jugendlichen raten, die sich nicht sicher sind, welchen Beruf sie lernen sollen?

Es ist doch ganz natürlich, dass man mit 16 oder 20 keine Entscheidung treffen kann, die garantiert für das ganze Leben richtig ist und sich auch umsetzen lässt. Aber das ist kein Problem, denn man kann immer einen neuen Weg einschlagen, wenn der bisherige wirklich nicht mehr geht. Leichtfertig eine Lehre abbrechen soll man natürlich nicht, das ist nicht gut für den Charakter und den Lebenslauf. Aber wer rechtschaffen seinen Beruf finden will, soll keine Angst haben. Der rechte Zeitpunkt kommt schon.