Simone Howe hat den schönsten Beruf der Welt. Den Eindruck zumindest vermittelt die gelernte Weberin bei ihrer Spezial-Führung für „Macher gesucht“ durch die offene Werkstatt in der Münchner Sankt-Paul Straße, direkt an der Theresienwiese. Mit sprühender Begeisterung schildert sie ein paar der gefühlt 1001 Gestaltungsmöglichkeiten, die ein Posamentierer in seinem Beruf hat. Offiziell heißt die Ausbildung, die du absolvierst, übrigens „Produktionsmechaniker Textil“. Dein Produkt? Posamenten! Dekorative Elemente, die zur Zierde auf Vorhängen, Polstern oder Kleidungsstücken angebracht werden. Schmucktextilien wie Quasten, Borten, Fransen, Raffhalter, Raffseile, Kordeln oder Schnüre gehören auch dazu. Gegründet wurde die Manufaktur Posamenten-Müller übrigens bereits 1865 und feiert dieses Jahr demnach 150-jähriges Jubiläum!

Schmucktextilien für Schlösser im In- und Ausland…und wo bleibt der Prinz?

Im Moment restauriert das Team gerade für die Münchner Frauenkirche. Ein toller Auftrag! Für Kunden wie diesen gehen die Posamentierer meistens selbst vor Ort, da die mitunter wertvollen oder hochwertigen Materialien nicht durch die Weltgeschichte geschickt werden dürfen. Hin und wieder bekommt Simone Howe auch ein Muster per Post geschickt. Ihre Kunden befinden sich nämlich nicht nur in Deutschland, sondern auch im Ausland wie in Italien oder im Sultanat Oman. Irgendwie haben die Posamenten aber auch etwas von einem Märchen aus tausendundeiner Nacht, oder? Für die originalgetreue Rekonstruktion von Posamenten für die Wiener Hofburg bekam Posamenten-Müller dieses Jahr jedenfalls sogar den Bayerischen Staatspreis auf der Internationalen Handwerksmesse verliehen.

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Die Manufaktur müsst ihr euch vorstellen wie ein farbenprächtiges Schmuckkästchen, ein bisschen wie ein Basar im Orient mit bunten Stoffen und Spulen in allen erdenklichen Farbnuancen, der zum stundenlangen Stöbern einlädt. Eine richtige Spielwiese für Kreative, Mädchen, Prinzessinnen, Selbermacher und Märchenfans, die Farben lieben. Frau Holle existiert hier ganz offensichtlich auch im Jahr 2015! Lässt zumindest das Spinnrad, das im Fachjargon „Spulrad“ heißt, vermuten. Und natürlich auch der imposante Webstuhl, der unter den geschickten Händen der Posamentierer traumhafte Stoffe entstehen lässt. Wir könnten auf jeden Fall stundenlang davor stehen und Bauklötze staunen, wie aus dünnem Garn die tollsten Schmucktextilien entstehen. Jetzt, wo die Wies’n naht, könnt ihr in dem Ladengeschäft sogar witzige Ketten und Haarschmuck oder Deko-Elemente fürs Dirndl erwerben.

Vom Hundebettchen bis hin zum schwer entflammbaren Seil für einen Dynamithersteller

Vom Hundebettchen und der Hundeleine, über den Reifrock für die Puppenstube oder ein schwer entflammbares Seil für einen Dynamithersteller bis hin zu Seidenschnürchen für einen Juwelier in New York – die Aufträge, die an die Posamentierer herangetragen werden, sind vielfältig bis skurril. In drei Jahren Ausbildung lernst du die unterschiedlichsten Schmucktextilien herzustellen – allesamt farbenfrohe Hingucker. Sogar in Kombination mit Federn und Swarovski-Kristallen hat Simone Howe Fransen und Quasten schon aufgepeppt. Ihr spuken aber immer noch tagein, tagaus unendlich viele Ideen im Kopf herum, die sie realisieren möchte. Wenn ihr euch also gerne kreativ austobt und es liebt, Farben zusammenzustellen und mit Garn Formen und Muster zu kreieren, seid ihr vielleicht der Mann bzw. die Frau fürs Posamentierer-Handwerk!

Gute Nachrichten: „Wir suchen für nächstes Jahr auf jeden Fall wieder einen Lehrling“, sagt Simone Howe. Gute Nachricht Nummer 2: Der Schulabschluss spielt für den Beruf keine Rolle. Wenn die Chemie stimmt, kann’s nach zwei Wochen Schnupperpraktikum eigentlich schon losgehen. In dem sehr familiären und internationalen Team – die Mitarbeiter kommen aus Vietnam, Eritrea und Jugoslawien – geht es sehr persönlich zu. Gemeinsame Projekte stehen auf der Tagesordnung und jeder fragt jeden um Rat oder hilft aus, „wenn’s brennt“. Das gilt auch für ehemalige Mitarbeiter, die gelegentlich Hand anlegen, wenn Not am Mann ist, oder bei ihrem früheren Arbeitgeber vorbeischauen, wenn sie des Weges sind oder eine Firmenfeier stattfindet.

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Aber braucht man als Posamentierer nicht tierisch viel Geduld? „Geduld kann man lernen“, sagt Simone Howe. „Wirklich!“ Ein Grundzug, den jeder zukünftige Posamentierer mitbringen sollte, ist allerdings die Liebe zu den Schmucktextilien. Geschick und Genauigkeit, die Fähigkeit mit anzupacken und Kreativität verstehen sich von selbst. „Ein Elefant im Porzellanladen wäre wahrscheinlich nicht das Richtige“, lacht Simone Howe. Wichtig – und eigentlich selbstverständlich – ist, dass du nett und freundlich bist, weil du schließlich viel Kundenkontakt hast und vielleicht sogar auch mal eine Führung durch die Werkstatt übernimmst. Und natürlich zum Team passen solltest :-)! Eine Portion Selbstständigkeit ist auch von Vorteil, weil im Arbeitsalltag häufig Ideenreichtum erforderlich ist, um Projekte erfolgreich umzusetzen. Mal nähst du, mal stopfst du, dann drehst du…das Handwerk birgt viele Facetten und Herausforderungen, für die so einiges an Fingerspitzengefühl nötig ist.

Mach eine Ausbildung zum Produktionsmechaniker Textil!

Du hast es satt, planlos auf deinem Smartphone rumzuwischen und willst endlich etwas mit deinen eigenen Händen erschaffen? Du hast keine Berührungsängste und hast Lust dich durch viel Übung zum Posamentierer zu mausern? Dann ist die Ausbildung zum Produktionsmechaniker Textil vielleicht genau das Richtige für dich. Hol dir hier weitere Infos und bewirb dich möglicherweise sogar für eine Ausbildung bei Posamenten-Müller (möglich wieder ab nächstem Jahr).

Fotos: Vanessa Duldner / Handwerkskammer für München und Oberbayern