Als Li XinYi zum ersten Mal in eine Semmel biss, hatte sie fast ein wenig Mitleid: „So etwas Hartes essen die hier?“ Inzwischen gehört die Brotzeit für die 20-Jährige zum Alltag. Besonders verliebt ist sie in Bienenstich und Prinzregententorte. Seit ihrem Umzug von China aus der Stadt der Pandabären nach Deutschland vor zwei Jahren spielen Gebäckstücke eine Hauptrolle in ihrem Leben, denn Li XinYi absolviert eine Ausbildung zur Konditorin in der Münchner Bäckerei-Konditorei Traublinger.

Tausche Pandabär gegen Nussgebäck

Während sie Nussgebäck in Zuckerglasur taucht, erzählt sie von ihrer Zwischenprüfung: „Ich war soooo aufgeregt, aber stolz auf meine allererste Torte – eine Ostertorte mit Pistazien und Marzipan.“ In ihrem Heimatland hatte sie nichts mit Torten am Hut. Der Beruf des Konditors ist in China eine Seltenheit: „Aber das ändert sich langsam.“

Pandabär und Konditoren-Nachwuchs

Li XinYi kommt aus Chengdu in der Provinz Sichuan. Bekannt ist ihre Stadt für eine Aufzucht- und Forschungseinrichtung für den Pandabär. Nach Li XinYis Abitur in China machte ihre Tante, Mitarbeiterin in der Bäckerei-Konditorei Traublinger, ihr den Vorschlag, sich bei ihrem Arbeitgeber um eine Ausbildung zu bewerben. Dann ging alles ganz schnell: Ausbildungsvertrag, Visum, Deutschkurs und Ankunft in München inklusive Kulturschock. „Es ist ein ganz anderes Leben hier.“

Fairer Tausch: Küche gegen Torte

In ihrem Freundeskreis ist Li XinYi eine Ausnahme. Ihre Freundinnen studieren an chinesischen Universitäten: „In meiner Heimat verläuft die Ausbildung sehr theoretisch“, erzählt sie. „Mir macht das handwerkliche Arbeiten aber viel Spaß und ich bin gerne kreativ.“ Jedenfalls gefällt ihr, jeden Tag etwas mit den Händen zu schaffen. In ihrem Wohnheim in München-Giesing hat sie leider keinen Backofen zum Üben. Dafür verbringt sie die Wochenenden oft bei ihrer Tante. Zum Geburtstag durfte sich die Küchen-Verleiherin dafür über eine Kirsch-Bananen-Buttercreme-Torte freuen.

Trotz Heimweh nach Familie, Freunden und natürlich dem Pandabär,  genießt Li XinYi ihr Münchner Leben. Sie schlendert gerne über den Viktualienmarkt, geht in die Berge und trifft Freunde – am liebsten zum Kartoffelpüree essen, ihr Leibgericht.

Traum von der eigenen Konditorei

Wie es nach der Ausbildung weitergeht, weiß sie noch nicht. Berufserfahrung sammeln und den Meister machen? Eines Tages ihre eigene Konditorei eröffnen? Am wichtigsten ist ihr, Wissen aufzusaugen und ihre Lehre erfolgreich zu beenden. Daran, dass der chinesischen Wahl-Bayerin das gelingt, hat ihr Chef keinen Zweifel: „Allein sprachlich hat Li XinYi einen gewaltigen Sprung gemacht. Inzwischen versteht sie sogar Dialekt.“

Die Fotos hat unser Kollege Rudi Baier gemacht, er ist kürzlich nach Chengdu gereist. Ihm haben natürlich ganz besonders die Baby-Pandas gefallen und die wollen wir euch auf keinen Fall vorenthalten.

© Pandabär-Fotos und Buddha: Rudi Baier
© Fotos im Betrieb: Michi Schumann